Heveling bisschen Recht geben?

Frag´ mal einen Pendler „Bist Du Teil der Automobilistengemeinde?“ Die Antwort dürfte irgendwo zwischen“Häh?“ oder „Was rauchst Du denn für ein Zeug?“ liegen. Ok, blöde Frage, nächste Frage: „Bist Du Teil der Netzgemeinde?“ Schon anders.
Voll vernetzt zu sein, soll sich immer noch so anfühlen wie einer der Autopioniere zu sein, der von oben herab ängstliche, bewundernde und verärgerte Blicke der altmodischen Fußgänger genoss. Leider liegt die wirkliche Pionierzeit des Netzes schon arg weit zurück. Deshalb braucht  jetzt die gewünschte Distanz zum Fußvolk etwas eigene Erhöhung etwa als „digital native“ und Erniedrigung des anderen: Der „Internetausdrucker“ eben.

Einfach nur so… Ein Bild dazu und Musik per Klick.

Vergangene Woche durfte „die Netzgemeinde“ damit mal wieder so richtig um sich werfen. Ein bisher unbekannter CDU-Bundestagsabgeordneter hatte kräftig, aber dumpfbackig gegen sie in die Tasten gegriffen. Ganz klar sagt der geschwollene Text im Handelsblatt nicht, was er meint. Irgendwas mit Rechten der Urheber im Internet kam vor (ob´s deswegen wenigstens für eine kleine Parteispende  reicht?) und dass es Regeln bräuchte und das ganze Gedöhns mit Blogs und so für ihn, die Welt und mindestens die nächsten drei Sonnensysteme nicht so relevant sei. Zu schwülstig und wirr formuliert mit vergossenem „digitalen Blut“, um wirklich ernstgenommen zu werden. Vielleicht war er auch nur noch beleidigt, dass mal eine gründliche „Schwarmintelligenz“ im Internet einen selbstfreiherrlich promovierten Politikdarsteller der CSU entdoktert und entministert hatte.

Auf jeden Fall funktionierten die Reflexe der „Netzgemeinde“, also kein gelassener Spott oder schnelle, sachliche Abwatschung. Nein, stattdessen viel grundsätzliches Gekreisch und Gezeter nebst digitalem Hausfriedensbruch und Vandalismus (schön verbrämt mit dem Begriff „Hack“) – eben alles was einen „Shitstorm“ ausmacht. Als ich mal kurz auf ihn draufgeschaut habe, rauschten so aparte Fladen wie „Rattenpack“ oder „Wird´s Zeit für eine neue RAF“ vorbei. Shitstorm, Shitstorm, aha. Dass jemand auch noch stolz darauf ist, an einem anschwellenden Sturm aus Scheiße beteiligt zu sein…

Was ist eigentlich mit dem Hack der Abgeordnetenseite? Gab es wenigstens irgendwo wenigstens ein bisschen Kritik daran? Ich habe auf die Schnelle nicht gefunden, dass sich jemand an der Attacke auf die Webseite gestört hätte. Motto: Ist ja einer von den Internet-Ausdruckern, da darf man das. Wenn ich das dann mal in die reale Welt übertragen dürfte: Einbrecher schlagen Türen und Fenster eines bewohnten Hauses ein, zerlegen die Einrichtung und sprühen noch ein paar verächtliche Parolen an die Wände. Sei aber ok, weil der ein Weltbild hat, das mir nicht passt.
Bleib´ mir weg von wegen „Er hat ja nur seine Seite nicht gut genug gesichert.“ Im echten Leben willst Du nach einem Einbruch auch nicht hören, dass Du selbst schuld wärst, nur weil Dein Haus nicht so gesichert war wie die CIA-Zentrale. Da diskutierten ja die Grünen in ihrer allerradikalsten Frühphase noch nachdenklicher über Gewalt gegen Sachen.

Butter bei die Fische: Will „die Netzgemeinde“ jetzt ein ernstzunehmender Player in der Welt sein oder nicht? Wenn ja, können auch die lautstärksten Web-Bewohner die Regeln der Welt nicht ignorieren – egal, ob es um Hacken, schwarz Saugen oder Schlimmeres geht (nonchalentes Achselzucken über die Freiheit des Netzes, wenn Nachbars Tochter risikolos als Nuttenschlampe gegossipt wird).
Und an diesem Punkt hat unser CDU-Bundestagsabgeordneter leider wenigstens zwei Sätze lang ein bisschen recht:
„Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Nur sollte man das nicht zum politischen Programm erheben.“

Eine von der echten Welt unbehelligte Spielwiese mit Freiheit selbst für pöbelnde Halbstarken-Banden lässt sich mit allen programmatischen Verbiegungen nicht begründen, wenn die Netzgemeinde gleichzeitig ganz hart in der echten Welt den Sturz von Diktatoren und falschen Doktoren befördern kann. Wer im RL was bewirkt, kann sich dem RL und damit auch dessen Wertvorstellungen und Regeln nicht entziehen – dagegen helfen noch so viele Stürme aus Scheiße nicht.

Wenn einer mal wieder nicht alle Spielarten von Saugen und Facebook  gaaaanz toll findet, heißt es gleich „Der hat das Wesen des Internets nicht verstanden“. Dieser Wunsch, das Wesen des Internets möge doch bitte, bitte wieder diese alte unbehelligte Spielwiese der Pubertät sein, erfüllt sich in Zeiten von kaufbaren Facebook-Freunden und SEO nicht mehr. Wenn die Jungs so groß geworden sind, dass sie Erwachsene weghauen, hauen die zurück. Etwa, wenn jemand für umsonst abgreifen will, wovon andere leben wollen.

Für die  Gewissensberuhigung macht es sich natürlich ganz prima, die böse und tatsächlich gerne unkreative Musiklizenzindustrie vorzuschieben. Gemeinerweise haben aber auch unkreative Menschen recht, wenn sie Rechte haben. Außerdem haben nicht nur pöse Lizenz-Haie in den fernen USA Anspruch auf Entgelt, sondern – pöse Realität – auch ganz normale Leute, die mit ihrer kreativen Arbeit mehr als 2000 Euro pro Monat für Miete und ihre Familie ranschaffen müssen. Unerwünschtes Kopieren bleibt für die leider Wegnehmen (eine Konzertkarte für den hier anklickbaren Ausnahmekönner kaufen und den Rest Kopieren, hätte für ihn und seine Familie das wirtschaftliche Aus bedeutet, und selbst ein Kino würden die paar Popcornkäufe der Karten-Schnorrer nicht vor der Pleite retten). Klingt unangenehm? Klingt unbequem? Such is life, real life.

Jetzt müsste sich nur noch andersrum das RL bei seinem Umgang mit dem Netz an die RL-Maßstäbe erinnern, denn wer 30 km/h zu schnell fährt, bekommt ja auch „nur“ Punkte und nicht den Staatsanwalt auf den Hals.

P.S.: Zum angeblichen Disqualifiziertsein des CDU-lers als Mitglied der Enquete-Kommission für Internet und Digitale Gesellschaft: Für die Kommission disqualifiziert hat er sich mit seinen pseudohistorischen Argumenten – nicht damit, dass er vieles am Webwesen zu kritisieren hat. Oder will jemand eine Enquete-Kommission zum Finanzsystem, in der nur Hedgefonds-Manager und Investmentbanker sitzen?

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