Das Monströse weglabern

Wie mag es sich anfühlen, das eigene Kind begraben zu müssen, das man zuvor 13 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte? Wie mag es sich anfühlen, damit warten zu müssen, bis ein Staatsanwalt die Leiche freigibt, bis ein heimlicher Ort zu verschwiegener Zeit für den Abschied gefunden ist, und die Trauer dann von der Scham zerfressen wird, weil das Kind, das man nie mehr lebend gesehen hatte, viele Menschen getötet haben soll? Niemand weiß, wie sich die Eltern der beiden Männer fühlen, die vermutlich die schlimmste rechtsterroristische Mordserie seit Jahrzehnten begangenen haben.
Eine Ahnung davon gibt die nur wenige Sekunden lange Filmsequenz des Vaters eines 19-Jährigen: Der Mann blickt von Weinkrämpfen geschüttelt aus einem Fenster auf den Erfurter Domplatz, wo hunderttausend die 16 Menschen betrauern, die sein Sohn innerhalb weniger Minuten erschossen hatte, ehe er sich selbst tötete. Niemand weiß, ob sich die Eltern der beiden Uwes aus Jena so fühlen werden, wenn sie am 23. Februar die Übertragung der Gedenkfeier für die zehn Toten sehen.

Mag glauben wer will, dass Eltern ihre Kinder bis zum weißderhimmelwievielten

Einfach nur so... Ein Bild dazu und Musik per Klick.

Lebensjahr beherrschen und steuern könnten. Tatsächlich weiß keiner, wie hart diese Eltern um ihre Kinder gekämpft haben. Wie bitte? „Es geht alles, wenn man nur will“. Ah ja. Zuviel „Tschaka“-Kurse mitgemacht oder gehen Sie auch heute noch am Händchen ihrer Eltern?

Und wie mag es sich anfühlen, seinen Vater beerdigen zu müssen, und ständig vernommen zu werden, ob er nicht doch einem Delaer- oder Zuhälterring angehörte, bloß weil er wie bei einer Mafia-Hinrichtung erschossen wurde? „Sagen wir doch schon immer – die Ermittler sind auf dem rechten Auge blind“ tönt der gewohnt selbstgewisse Chor von mehr oder weniger weit links der Mitte.
Jetzt wissen sie es natürlich ganz genau und bestätigen sich gegenseitig an der Grenze zur Selbstgefälligkeit in Vorurteilen und Verschwörungstheorien über Verfassungsschützer und mutmaßliche Geheimdienstler aus aller Herren Länder und Galaxien. Aber ehrlich – hatte irgendjemand die Morde, als sie noch „Döner-Morde“ hießen, als rechtsextremistische Verbrechen vermutet? Von dem bayerischen Polizei-Profiler, der diese Hypothese hatte, dringt doch erst jetzt etwas in die Öffentlichkeit.

Hat sich wirklich jemand damals vorstellen können, dass Menschen einfach so erschossen werden, nur weil sie südländisch aussehen? (Menschen, die „deutscher“ lebten und arbeiteten als oberdeutsche Geiferer, die unter dem Deckmäntelchen „politische Inkorrektheit“ forenfüllend ihre bösen Komplexe ausleben). Wie viele der „Ich-hab-es-doch-schon-immer-geahnt“-Wissenden hatten wirklich das im wahrsten Sinn des Wortes Undenkbare gedacht? Wahrscheinlich so wenige, wie es am Morgen des 26. April 2002 für möglich hielten, dass nach 38 Jahren gleich wieder ein Mensch einfach so mordend durch eine Schule zieht [zu 1964 siehe Ursula-Kuhr-Schule, zu 2002 Gutenberg-Gymnasium Erfurt].

Auch damals trat das unvorstellbar Monströse plötzlich als echte Realität auf – und verschwand für alle, die nicht Hinterbliebene waren, wieder hinter den Scheindebatten der Rechthaber. (Fast) alle wussten ganz genau, woran es lag und welcher ihrer Talkshow-Rivalen daran schuld war. Jetzt bestätigen sich die einen in ihrem immergleichen „Der Schoß ist fruchtbar noch“, das weder Gleichgültige noch Gegner erreicht. Die Ressentiment- und Hassgeladenen von rechts verschanzen sich hinter wirren Verschwörungstheorien und ducken sich ab, so wie hier nach den Morden von Breivik plötzlich die Bemühungen abrissen, ein bestimmtes Blog zu pushen.

Kleine Hoffnungsschimmer irgendwo? Der Ehrgeiz der Ermittler – gespeist aus zutiefst verletztem Berufsstolz von Männern, die sonst vor „Professionalität“ schier platzen. Selbst aus ihrer Spitzenebene kam ein ungewohnt einfaches, un-unwulffsches und ehrliches Eingeständnis: „Die Sicherheitsbehörden haben eine Niederlage erlitten“ und „Wir haben ihren Hass unterschätzt.“ (Verfassungsschutz-Chef Fromm, der damit um Welten souveräner auftritt als sein ministerieller Chef Friedrich, der immer noch verzweifelt nach einem Internet-Radiergummi sucht, um sein Sommerzitat vom nicht vorhandenen Rechtsterrorismus zu tilgen).

Ohne Fakten dieser gigantischen Ermittler-Schar bleibt womöglich alles wie es ist. Oder passiert jetzt nach einem Kanakenwitz im Vereinslokal oder an der Familientafel schon häufiger das: „Was erzählst Du denn da für einen Mist?“ –  „Hmmm, ähhh, … …. …. Entschuldigung, bitte.“

P.S.: Da es zum Geschehen selber nach wie vor mehr Fragen als Antworten gibt, gibt es hier nichts dazu. Fast nichts. Fest steht: Selbst die angeblich ach so rechts-blinden Ermittler trieben massiven Aufwand nach dem Untertauchen des Trios – und hatten entgegen den damaligen Behördenverlautbarungen natürlich auch ganz schnell Erkenntnisse. Wenn bei einem normalen Bankräuber Aufenthaltsort (Chemnitz), Kontaktleute und diverse Adressen bekant sind – wie lange dauert es dann, bis der mit Haftbefehl gesuchte Verdächtige festgenommen ist? Zwei oder drei Wochen? Konnten, wollten oder durften die Ermittler trotz dieser Faktenlage nicht festnehmen? Schlimm genug, dass man auf Variante eins hofft.

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