Heute hat es wieder sooo schön gerankt

Die Hellseher sind unter uns. Nein, nicht die von den Ratingagenturen. Die waren doch eben erst dran. Außerdem sitzen sie wahrscheinlich gerade in Weiterbildungen „Schätzen statt Raten“. Hellsehen können auch deutsche Experten, oder zumindest üben sie es. „Sachsen ist Spitzenreiter beim Schuldenabbau“ trötete es diese Woche aus allen PR-Kanälen. Hach, endlich wieder ein Ranking. Waren doch gefühlt schon wieder eindreiviertel Tage ohne Ranking verstrichen. War das eigentlich das mit den längsten SMSn bei den Saarländern oder den niedrigsten Kühlschranktemperaturen in Berlin?

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Egal. Was wollten uns nun die expertisetriefenden Mitteiler sagen? Haben Sachsen und andere Bundesländer ihre milliardenhohen Schuldenberge abgetragen? Na ja, nicht so ganz. Das „Ranking“ maß vor allem, wieviel neue Schulden die Länder im Jahr 2013 aufnehmen werden oder nicht. 2013? Aha. Das liegt zwar noch ein wenig in der Zukunft, aber davon darf sich ein Experte auf dem Weg zu neuen Schlagzeilen nicht abhalten lassen. Er downloadet alle möglichen im Netz herumfaulenzenden Pläne und Absichtserklärungen, in denen Landesregierungen auf geduldigem Papier hehre Ziele formulieren – und nimmt sie für bare Münze. Wir sind doch in Deutschland, da wird eine „mittelfristige Finanzplanung“ auch in Wahlkampfzeiten, Konjunkturkrisen und Koalitionskrächen auf Cent und Euro genau befolgt (würden Sie bitte dieses sarkastische Grinsen unterlassen, Sie…, Sie…, Sie Besserwisser Sie).

Was so richtige Experten sind, stören sich auch nicht dran, dass sie jetzt gar nicht mal alle aktuellsten Zahlen hatten. Es funktionierte doch auch so: Alle schrieben aufgeregt über ihre jeweiligen Spitzenreiter oder Nicht-Spitzenreiter beim Schuldenabbau – als ob es ihn schon gegeben hätte und es nicht bloß um erhofften Schuldenabbau ginge (und es geht ja gar nicht um Abbau bestehender Schulden, sondern „nur“ um ein Jahr ohne zusätzliche Schuldenaufnahme…).

Eines der gut gerankten, aber bisher defizitären Länder etwa bastelt gerade mit mächtigem Eigenlob daran, für 2012 ganz bestimmt mal einen Haushalt hinzubekommen, der ohne neue Schulden auskommt. Selbst das wäre noch gemogelt, weil schuldenstarrende Geldvernichter in Schattenhaushalte ausquartiert werden. Diese Verstecke heißen dann beschönigend etwa „Sondervermögen“ – als ob dort zinsbringende Vermögen lägen und nicht mehrere hundert Millionen Euro Schulden außerhalb des eigentlichen Etats. Aber weil das Land für 2013 ganz tolle Ziele aufgeschrieben hat, rankt es weit oben…

Für ein nüchternes „Sachsen hat die weitestgehenden Pläne für weniger Neuverschuldung im Jahr 2013“ gäbe es zwar nicht ganz so fette Schlagzeilen, es hätte für Publicity aber auch noch gereicht. Schließlich muss nur das Zauberwort „Ranking“ dabeisein – diese vermeintlich vor Objektivität berstende Nebelbombe, die bei Getroffenen zuverlässig den Denkapparat lahmlegt. Da rankte mal ein Land als Top-Schulstandort wegen hoher Bildungsausgaben – egal ob ihm die gleiche Studie bescheinigte, das Geld besonders uneffektiv auszugeben. Ein Top-Wirtschaftsinstitut machte für eine Top-Wirtschaftszeitschrift eine Stadt zum „Top-Aufsteiger“, weil sie sich so gezielt auf Maschinenbau konzentriert habe. Wirtschaftsministerium, Oberbürgermeister und IHK wiesen das zwar wegen einer praktisch maschinenbaulosen Firmenlandschaft zurück, freuten sich aber trotzdem ganz doll über die Schlagzeile voller Quatsch. Alles Ranking, alles top, alles leicht irre.

P.S.-Nachtrag: Es geht noch toller: Zwei (!) Tage nach der lauten Veröffentlichung teilt die auftraggebende „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ mit, es habe da einen klitzekleinen Fehler gegeben: Bei Bayern sei durch ein vertauschtes Vorzeichen statt eines Defizits von 781 Millionen Euro eigentlich ein erwartetes Plus von 254 Millionen Euro geplant. Na ja, wenn nur das Vorzeichen verdreht ist…

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