Jetzt dürfen Gottes Top-Performer ran

Immerhin weicht die physische Besatzung. Eine immer einschüchterndere Verwandlung hatte in den Tagen vor dem Papstbesuch kleine Großstädte wie Freiburg und Erfurt von ihren Bewohnern entfremdet. Die tausenden Polizisten waren zwar meist freundlich, sperrten aber immer mehr Straßen, schweißten Gullies zu, machten Parkplätze zu polizeilichen Heerlagern, ließen Fenster schließen.

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Gleich nach dem Abflug des Papstes wuchteten sie Tonne um Tonne Absperrgitter wieder auf die Lastwagen und gaben den Einwohnern ihre Straßen und Plätze zurück. Die Scharen von Wichtig-Wichtig-Menschen in Katholisch-Dress oder mit umgehängten Akkreditierungskärtchen schepperten ihre Rollkoffer gen Bahnhof. Wenn auch das letzte abgeschleppte Auto wieder seinen Besitzer hat und die letzte Riesenbühne zerlegt ist, mag der physische Einschlag des Großereignisses Papst allmählich weichen.
Der mentale bleibt länger. Es schien, als wollte Benedikt der XVI. seinen Landsleuten noch einmal so richtig einschenken. Vor allem die Protestanten erwischte es. Als im Frühjahr das erste Programm fertig war, schrieb Benedikt noch selbst an den EKD-Ratsvorsitzenden, er wünsche sich mehr Raum für den ökumenischen Aspekt. Er bekam ihn, mit dem Spitzentreffen im jetzt evangelischen Erfurter Augustinerkloster, wo einst Martin Luther seine aufmüpfige Laufbahn begonnen hatte. Protokollarisch so richtig aufgewertet gab es dort den „ökumenischen Aspekt“ von ganz weit oben als eiskalte Dusche: Die Protestanten möchten doch bitte sehr ordentlich Glauben leben, aber so was bürokratisches wie Ökumene sei nicht so wichtig. Wer mehr von diesem Treffen an diesem Ort erwartet habe, unterliege einem Missverständnis. Sprach der Papst, der dafür Orthodoxen schon mal das baldige gemeinsame Abendmahl in Aussicht stellte.

Und weiter gings: Der deutsche Bischofschef Zollitsch durfte sich in seinem Erzbistum vor 100 000 Gottesdienstbesuchern anhören, dass doch die deutschen Katholiken gefälligst dem Vatikan ordentlich zu gehorchen hätten, die Laien wurden mit ihren Verbänden als ein bisschen zuviel Organisation abgetan. Noch was?
Vielen Gläubigen hat er bei Gottesdiensten andächtige und sicher auch beseelende Momente geschenkt. Vielleicht hat er auch Nichtgläubige ins Grübeln gebracht mit seinen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Woher sollen Werte kommen, aus denen sich Recht speist, das auch Menschenwürde schützt? Dürfen gesellschaftliche Entscheidungen nur nach Nützlichkeitserwägungen getroffen werden? Bemessen sich „Wert“ und Würde eines Menschen nur nach dem Grad seines Funktionierens?

Als Antworten gab es die Aufforderung zu „Entweltlichung“, den Glauben wie die Heiligen radikal zu leben und die Forderung nach Demut. Demut? Ein Konvoi aus 30 Limousinen, Prachtgewänder und gigantische Messen für die Öffentlickeit – die eventuelle Demutsgeste gegenüber Missbrauchsopfern aber versteckt im abgeriegelten Priesterseminar, unangekündigt und nichtöffentlich. Zerknirschung und Demut ohne Bild per knapper Pressemitteilung – und dann weiter mit dem nächsten Event vor 30 000 Menschen wie immer – als wäre nichts gewesen, das so vom Innersten her die Glaubwürdigkeit der heilig sein wollenden Kirche zerfrisst („Was Ihr dem geringsten meiner Brüder habt getan, das habt Ihr mir getan“; Jesus lt. Matthäus-Evangelium 25,31). Demut?
„Alle ihre Werke aber tun sie, um sich vor den Menschen sehen zu lassen; denn sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten gross.  Wer sich aber selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden.“  Disclaimer: Der das gesagt hat (Jesus), hatte damit Pharisäer und Schriftgelehrte gemeint. Die Frage der Zulässigkeit einer Übertragbarkeit in die Gegenwart kann natürlich nur ein vatikanisch zertifizierter Theologe von vatikanischem Niveau beantworten.
Bis dahin bleibt die Frage, wieviele sich an diesen intensiven Tagen leider nur gedacht haben mögen: „Geh´ mit Gott – aber geh´.“ Rom bleibt ja eh´. Dort wird jetzt wieder über die Rehabilitation der finsteren Piusbruderschaft geredet. Irgendwer muss ja Barmherzigkeit erfahren.
Die Botschaft: Es gibt mehr oder weniger wertvolle katholische Menschen. Wie die kritisierte Ellenbogengesellschaft kaltschnäuzig Menschen als „underperformer“ oder „Minderleister“ herabsetzt, so hat das päpstliche Weltbild „laue Christen“ oder noch schlimmer Menschen wie Bundespräsident Wulff und Berlins Bürgermeister Wowereit als Katholiken zweiter und dritter Klasse, weil geschieden wiederverheiratet oder schwul. Zwar spüren auch viele Katholiken, dass hier menschengemachte Theologie herzlos über gottgewollte Nächstenliebe siegt. Spätestens seit dem Papstbesuch aber haben nun in den Gemeinden top-performende Frömmler die Lizenz, Katholiken mit Herz das Heft aus der Hand zu nehmen.

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