Die Flucht

„Lies mich, Du Sau!“ Einfach Irrsinn, wie Texte heute powern. Aus jedem Halbsatz schreit minimum ein Reizwort. Tempo, Druck, neuer Input alle drei Worte und markige Anmoderation von Brisanz und Emotion. Poptitane und Sperminatoren – lauter Alphatiere aus Buchstaben fighten in gehetzten Stammelsätzen den Giga-Kampf um Aufmerksamkeit. Egal ob „Wahnsinn! Schon wieder ein irrer Verbrecher“ oder „Bilder, die Frankreich ins Herz trafen und Schockwellen in die ganze Welt sandten“ – es peitscht und dröhnt in einem fort, bis die Aufmerksamkeit mit Burnout zur Mattscheibe weicht und erlischt.

Einfach nur so... Ein Bild dazu und Musik per Klick in Extrafenster.

Es ist auch dort kein guter Platz fürs Kopfkino. Es läuft nicht los, wenn jede dritte Sequenz mit Stentorstimme diktiert, wie empörend oder traurig das Geschehen sei. Das Kopfkino bleibt aus, wenn auch die nächste Moderation wie ein Malle-Animateur die Fantasie mit sich zerrt. Sie wagt sich nicht heraus, wenn im Sekundentakt verbale Großkaliber einschlagen. Gibt es das überhaupt noch – Assoziationen und Stimmungen, die von Worten nur gestreift aufleuchten, ohne dass sofort eine Stimme aus dem Off kräht, wie bezaubernd oder entsetzlich das jetzt sei?

Es wird Zeit für die Flucht dorthin – sicherheitshalber erst einmal zu den „Großen“ von früher. Sie sollen es ja auf jeden Fall gekonnt haben, so zu schreiben, dass auch einfache, leise Worte eigene Bilder der Fantasie wecken. Blick in den Bücherschrank. Ein Roman? Na ja, mitten aus dem vollen Alltagstempo wäre das wie Marathonlauf ohne Training. Erzählungen vielleicht? Erzählungen sind gut. Vielleicht die hier? Hmm, ein Großer soll er ja gewesen sein. Aber die Interpretationshubereischulaufsatzqualen hatten ihn für Jahre und noch mehr Jahre verleidet. Vielleicht jetzt.

Es geht ruhig dahin. Kein Wort, das schreit. Ohne Aggression erklärt ein Torwächter dem Mann, dass er zunächst nicht zum Gesetz vorgelassen werde, zu dem er wolle. In der Hoffnung auf späteren Einlass lässt sich der Mann neben dem Wächter nieder für Jahre und Jahrzehnte. Kurz vor seinem Tod fragt er ihn, wieso niemand anderes den Weg zum Gesetz suche, und nimmt als Antwort mit ins Grab: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ Jetzt braucht es keine Worte mehr und die Fantasie kann langsam und vorsichtig in den Abgrund hineinsteigen. Die Rückkehr in die Welt sichert eine Strickleiter aus den ersten 13 bis 27 von reichlich 250 000 googlebaren Interpretationsaufsätzen. Ein wenig weh tut es zwar, wie grelles Licht am Höhlenausgang, kommt aber wieder ganz und gar aus dieser Welt.

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