Bitte mal schnell Ihr klügstes Gesicht machen!

Wenn Sie vor der Lektüre dieser Zeilen bitte in Erwägung ziehen möchten, Ihr intellektuellstes Gesicht aufzusetzen, denn diese Zeilen handeln von nichts weniger als einem Vorfall gewisser kulturtheoretischer Dimension, dessen Implikationen noch in keinster Weise abzusehen sind (habe ich jetzt die Zeile in der Kurzdarstellung  geschafft?).

Einfach nur so... Ein Bild dazu und Musik per Klick in Extrafenster.

Ok, es geht um eine große überregionale Zeitung mit vier Buchstaben (nein, doch nicht die, an die Sie jetzt denken, andere wollen der BILD schon auch mal Konkurrenz machen). Die ZEIT beschäftigt sich in einer Rezension mit einem  Dokumentarfilm über Perry Rhodan. Niemand muss Perry Rhodan kennen, den dank eines Zellaktivators unsterblichen Raumfahrer, der seit 1961 Titelheld einer Serie von Science-Fiction-Heften ist. Der Autor der Filmrezension schreitet mit einer gewissen vornehmen Abscheu über das für ihn abgründig seichte und latent landserhafte Thema. Er pflastert seinen Kreuzweg durch die Niederungen dafür mit seltenstem, handgeschliffenen Wortgestein („offensive Sinnlosigkeit und dezidierte Apolitizität“) – ehe er endlich zum Höhepunkt gelangt: „Da die Lektüre nach wie vor nicht in Betracht kommt, bleibt der Film der denkbar beste Zugang …“

Gell, sie haben es beim ersten Lesen auch nicht gleich in seiner vollen Bedeutung mitbekommen. Also noch mal: „Da eine Lektüre nach wie vor nicht in Betracht kommt…“
Wenn ich dann übersetzen dürfte: „Ich will das weiterhin überhaupt nicht lesen, rege mich aber munter darüber auf.“
Boah!
Das klingt natürlich weniger gebildet, sondern dürftig und arrogant. Es kommt natürlich „in Betracht“, das zu lesen, worüber man schreibt. Soll sogar Voraussetzung für journalistisches Arbeiten sein.
Oder? Hmmm.
Stand ja schließlich in der ZEIT. Der Zeitung, die so richtig globalstrategisch die ganze Welt auf einmal erklären kann. Ganz intellektuell und so. Differenziert eben. Da sollte es bitte auch für schlichte Gemüter nicht zu viel verlangt sein, sich mit diesem Herangehen etwas differenzierter zu beschäftigen. Ob wir das mal versuchen wollen?

Auf geht´s: Wäre es denn wirklich so schlimm, wenn sich der Gerichtsreporter die Lektüre der Anklageschrift im Mordprozess erspart? Ist schließlich übles, niedriges und abstoßendes Zeug, das da drin steht. Braucht es Fakten zur Meinungsbildung über den ganz sicher abgründig schurkischen Angeklagten? Höre ich hier ein „Ja“? Na, na, na, wollen Sie bitte wieder ganz schnell Ihr klügstes Gesicht aufsetzen, damit wir weiter die nötige intellektuelle Höhe und Sensibilität erreichen können. Sind Sie soweit? Ok, also weiter.

Auf uns wartet der Redakteur, der über die frisch erschienene Biografie von Politiker XY zu rezensieren anhebt. Sollen wir den Fluss der meinungsstarken Gedanken behindern durch sperrige Fakten einer eigenen Archivrecherche? Soll der klare schwarz-weiß-Blick verschwimmen durch das diffuse Licht der grauen oder ganz bunten Realität?
Ach Mensch, jetzt sagen Sie schon wieder „Ja“…
Mann, Mann, Mann, da gebe ich mir Mühe, verrenke mir Finger und Gehirnwindungen, schreibe schon fast so geschraubt wie er da oben – aber dann wird das wohl nichts mit uns und den intellektuellen Höhen. Also höre ich jetzt auf mit dem Geschwurbel, warte ab, welche Journalisten bald auch nach der beschriebenen Methode arbeiten (Was? Das tun schon welche? Igitt pfui, aber denen wird doch dann hoffentlich die ZEIT ordentlich was auf die Finger geben). Was ich eigentlich noch sagen wollte: Ich gehe jetzt und kaufe mir ein Perry Rhodan-Heft.

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