Waffen

In einem Waffen-Forum steht seit den Morden in Norwegen eine Notiz, die sinngemäß erklärt:
Die Betreiber seien zutiefst entsetzt und schockiert angesichts des „Terroranschlags“. Den Angehörigen und Überlebenden gelte Anteilnahme nach der unfassbaren Tragödie. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie würden aber derzeit keine Diskussionen über das Ereignis im Forum zugelassen und entsprechende Einträge gelöscht.

Ein guter und ein falscher Schritt.
Gut, weil nach solchen im wahrsten Sinn des Wortes unfassbaren Ereignissen ohnehin zuviel wirres und schlimmes Zeug geschrieben wird. Ideologen und Besserwisser aller Couleur spreizen sich mit ihren schon immer gehabten Erkenntnissen und Schuldzuweisungen.

Musik per Klick

Da schreiben „Experten“, die sich offenbar nur aus Action-Serien bilden, dass die Spezialeinheiten der Polizei „erst“ eine halbe Stunde nach der Tat eingetroffen seien, als könnten schwer bewaffnete und ausgerüstete Einheiten per Mausklick auf Google-Maps an beliebige Orte downgeloadet werden. Und Politiker erst: Nach dem Amoklauf in Erfurt beharkten sie sich in Talkshows, wessen Partei der Tat wie den Boden bereitet habe – als die Staatsanwaltschaft die Leichen noch nicht einmal für die Angehörigen freigegeben hatte, geschweige denn einer der Toten schon bestattet war.

Falsch ist das Schweige-Gebot, weil es erkennbar im PR-Interesse einer Lobby ist. Nach solchen Taten wird natürlich gerade in so einem Forum diskutiert – eben aus einem sehr speziellen Blickwinkel. Dem Blickwinkel derer, die aus verschiedendsten Gründen eine Leidenschaft mehr für Waffen als für Schießen und Treffen im rein sportlichen Sinne haben – so wie auch Angler, Flieger oder Motorradfahrer eine Leidenschaft für ihre Gerätschaft und ihr Hobby haben. Bei Waffenliebhabern handelt es sich – für sie leider – um extrem gefährliche Gerätschaften.

Die Lobby-Argumente sind bekannt: Nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch, der sie bedient; wer durchdreht und töten will, tötet auch mit anderen Instrumenten. Richtig und falsch zugleich: natürlich tötet der Mensch, aber so makaber es ist, auch Tötungsinstrumente sind unterschiedlich effizient. Mit einem Messer oder einem Auto lassen sich nicht innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen aus einer für den Mörder relativ risikolosen Distanz zum Opfer töten. Wenn Messer oder Zwillen effektiver kampfunfähig machen oder töten könnten, wären Polizisten und Soldaten dieser Welt mit Messern oder Zwillen ausgerüstet – sie sind es aber eben nicht.

Das wissen natürlich auch die Waffenliebhaber, verdrängen aber das deshalb wahrscheinlich vorhandene Unbehagen mit den Lobby-Argumenten. Über die Waffenrechtsdebatte nach dem Erfurter Amoklauf hieß es in diesem Sprech dann schon einmal, dass „Stromschnellen“ zu überwinden gewesen seien…

Dafür entlastet sich die Zunft nach solchen Taten regelmäßig in Diskussionen, die die Mehrheit harmloser Waffenbesitzer einer hysterisch und ideologisch verblendeten Öffentlichkeit gegenüberstellen, in der sich lauter grüne Gutmenschen austobten. Schnell taucht dann auch noch das Argument auf, dass doch der eine oder andere gut bewaffnete Privatmann am Tatort mit ein paar gezielten Schüssen dem Grauen ein Ende gesetzt hätte – wenn es nur nicht so verblendete und rigide Waffengesetze gebe, wie es in dieser Diktion heißt. Solche Debatten einer Liebhaber-Zunft passen natürlich nicht zur gewünschten PR-strategischen Positionierung der Waffenbesitzer in der Öffentlichkeit.

Das verordnete Schweigen verhindert zwar ein paar der unvermeidlichen Unsäglichkeiten in dem nun einsetzenden öffentlichen Geschrei aus allen Ecken und Winkeln. Es verstellt aber auch den Blick auf ein Meinungsspektrum mit sehr extremen Ansichten. Anders als in den USA wird in Deutschland der Grad der persönlichen Freiheit eben in der Freiheit zum möglichst ungehinderten Schnellfahren gemessen und nicht in der möglichst unbeschränkten Freiheit zum Waffentragen. Eine Diskussion im Kreis der Waffenliebhaber hätte zwar ein paar PR-untaugliche Stimmen gebracht, aber auch einen Blick darauf, wie mehrheitsfähig oder nicht sie innerhalb der Zunft sind. Das wollten die eher an Lobby-Arbeit Interessierten dann aber lieber nicht sehen.

Aber was ist das schon verglichen mit dem Leid so vieler Familien in Norwegen.

P.S.: Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau sagte bei der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Erfurt: „Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“

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