Wenn Gammelnews auf einmal gammelig schmecken

Was sind sie nicht böse, diese schurkischen englischen Boulevardjournalisten. Lassen doch glatt fremder Leute Handys abhören und Polizisten bestechen. Hätten wir das gewusst, hätten wir Berichte mit diesen Informationen natürlich nie gelesen.
Wahrscheinlich doch.

Einfach nur so... ein Bild dazu und Musik per Klick.

Würden wir die TV-Bilder und Zeitungsfotos von Verdächtigen oder Mordopfern nicht mehr ansehen, wenn wir über die unwürdigen Umstände ihrer Beschaffung wüssten? Wahrscheinlich doch. Wir wollen nur solche Umstände nicht kennen – genauso wenig, wie wir die Abläufe kennen wollen, die zu einem Billigshirt oder einem Schweineschnitzel führen. Wollen wir wirklich wissen, wie der Verfassungsschützer mit einem Informanten einen Termin ausmacht, seinen Chef das Formular für die Kasse unterschreiben lässt und dort das Bargeld holt, damit der NPD-Funktionär beim Treffen gleich ein bisschen was aus dem Parteileben erzählt?

Für die zulässige Schlammtiefe auf dem Weg zu Informationen gibt es immerhin ein paar gesetzliche Maßstäbe. Der Verfassungsschützer ist auf der sicheren Seite. Der Journalist, der einen Polizisten schmiert, ist dran, wenn es rauskommt. Was stand dann aber auf dem vom Chef abgezeichneten Formular, mit dem er sich bei der Kasse das Informantenhonorar abholte oder im „Zweck“-Feld der Buchungssoftware? Natürlich wird der Chef von Bestechung und abhörenden Detektiven so wenig gewusst haben wollen, wie alle, die Drecksarbeit outsourcen. Schließlich wird ihnen ja immer noch die anschließende peinliche Scharade abgenommen, dass sie üüüüberhaupt nichts von unlauteren Methoden wussten, sie niiiiie gebilligt hätten und gaaaar keinen Druck ausüben würden,  immer mehr ranzuschaffen.

Wenn das stimmt, wären sie so himmelschreiend naiv, dass sie bei ihrem Blatt nicht mal von der schlichtesten Gemeinderatssitzung berichten dürften. Natürlich kennen sie alle sauberen, grauen und schmutzigen Methoden der Informationsbeschaffung – vom „Witwenschütteln“ für Bilder des Ermordeten bis zur materiellen Pflege der Informantenlandschaft. Und den Druck sie anzuwenden, üben sie aus oder lassen ihn ausüben.

Umso besser, wenn Ausführende gleich genügend eigene Motivation mitbringen, sich mit Schlammtauchen zu profilieren (bei ermordeten Kindern ist der Eifer größer und die Kompetenzhürde niedriger als bei zahlenhaltigen Skandalen in Haushalten oder Bilanzen). Grenzen? Bei Gesetzesverstößen: Es darf halt nicht rauskommen. Bei allem anderen: Keine, solange die Konkurrenz was hat, was man selber noch nicht hat. Irgendwann mal aus Lauterkeitsgründen „Nein“ zu sagen, ist uncool, unclever, spaßbremsend, moralinsauer, altmodisch – und würde außerdem Arsch in der Hose des Chefs voraussetzen. Damit wäre er aber nicht Chef geworden. Und dem Leser oder Zuschauer ist´s egal, solange er sich in der Illusion einrichten kann, das Produkt sei so sauber entstanden, wie er wünscht, dass es entstanden sei. Solange Gammelfleisch nicht wie Gammelfleisch schmeckt, ist´s ok. Mit der richtigen professionellen Bearbeitung des Ausgangsmaterials lässt sich auch Ökobiowertvoll draufschreiben.

Aber in Deutschland sind bestimmt alle so ehrbar und verantwortungsbewusst, wie sie sich auf Podiumsdiskussionen von Medientreffs und Tagungen evengelischer Akademien geben.

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